Wurden Forschungsergebnisse zum Salzstock Gorleben auf Betreiben des
"politischen Bonn" bei der Auswertung des Tiefbohrprogramms geschönt?
Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) Gorleben hatte zu
seiner Sitzung am 8. Juli u.a. den Kieler Quartärgeologen Prof. Dr. Klaus Duphorn als Zeugen geladen. Der stellte klar, die Bundesregierung übte schon vor der Regierungswechsel am 1.10.82, also noch unter Helmut
Schmidt (SPD) Druck auf die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) aus: Duphorn war als führender Quartärgeologe als externer
Sachverständige von der PTB mit der Auswertung der
Untersuchungsergebnisse betraut worden, sei Deputat endete vorzeitig mit Ablauf des Jahres 1981, er habe sich aber nicht mundtot machen lassen und auf eigene Faust und aus eigener Tasche an den Gorleben-Befunden weitergearbeitet. Duphorn wurde - so seine Worte - "geschasst", weil seine Interpretation der Tiefbohrergebnisse auf die Aussage hinausliefen, es sei besser, neben Gorleben auch andere Standortorte als nukleares Endlager zu untersuchen.
So stand es ursprünglich auch in dem sogenannten "Zwischenbericht" der
PTB im Jahr 1983, auf Intervention des Kanzleramts, des Innenministeriums und des Forschungsministeriums musste die PTB diese Forderung aber fallen lassen. 180 hydrogeologische Bohrungen, 25 Salzspiegelbohrungen, aber lediglich 5 Tiefbohrungen wurden niedergebracht. Duphorn:"Je länger wir erkundeten, desto schlechter die Ergebnisse". Forschungsminister Andreas von Bülow (SPD) habe nach einem Fachgespräch mit ihm erstaunt geäußert: "Warum hat mir das keiner gesagt?"Duphorn räumte ein, dass er - da kompromissbereit - im wissenschaftlichen Disput damals auch dafür eintrat, Gorleben neben anderen Standorten weiter zu untersuchen, eine Aussage, von der er vor dem PUA entschieden abrückte, denn die Gas- und Laugenvorkommen, die später in Gorleben gefunden wurden, seien eine "Zeitbombe".
Maßgeblichen Anteil in der Vorbereitung der Kabinettsentscheidung im Juli 1983 hatte Dr. August Hanning, der im Kanzleramt unter Helmut Kohl die Federführung inne hatte: das war der Startschuss für die sogenannte
untertägige Erkundung, das Abteufen von Schächten und den Bau eines
Bergwerks im März 1986. Er bestritt vehement, sich an die legendäre
Fachsitzung von PTB, DBE (Deutscher Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern) und der BGR (Bundesanstalt für Geowissenschaften und
Rohstoffe) am 11.5.83, zu der die "Bonner" unangemeldet hinzukamen,
erinnern zu können. Die Bonner Regierungsvertreter sorgten per Weisung -
"die bedarf keiner Papierform" (Hanning)- für eine Streichung der
konsequenten Forderung nach der Erkundung alternativer Standortorte
wegen der Negativbefunde. Trotz seines Gedächtnisverlustes erinnerte
Hanning dann doch, dass die "Techniker", also die Wissenschaftler und
Bauingenieure damals für einen Standortvergleich eintraten, die "politischen Praktiker", also die Regierungsvertreter, "genau dieses fürchteten".
Für die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) war der
Sitzungstag von einer "bedrückenden aktuellen Brisanz": Seit 1983 bis heute wurde unendlich viel Zeit verloren, von Gorleben abzurücken, die
Negativbefunde und die Warnungen von Fachleuten und Fachbehörden
wurden und werden in den Wind geschlagen. BI-Sprecher Wolfgang Ehmke:
"Bis heute haben die "politischen Praktiker" gleich welcher Couleur
verhindert, dass Gorleben nicht aufgegeben wurde, allein weil sie die
politische Unruhe im Lande bei der Benennung möglicher alternativer
Standorte befürchten. Wer wie die niedersächsische CDU-Landtagsabgeordnete Karin Bertholdes-Sandrock auf diesem Hintergrund sich über die Aufkündigung des Moratoriums und Arbeitsplätze freut, hat die Gorleben-Geschichte verpennt."

(Angaben ohne Gewähr)