er so denkt, hat nicht begriffen, dass beides nur verschiedene Aspekte ein und derselben Sache sind, die in Wirklichkeit einander bedingen – ich habe versucht, das in dem Aufsatz: „Soziale Dreigliederung“ auf dieser Homepage darzustellen. Man muss das eine tun und das andre nicht lassen.
Mit dem Regiogeld kann allerdings jeder hier und jetzt anfangen – aber ich will gar nichts sagen; ich staune nur so, wie schnell es Götz Werner und andere geschafft haben, das Grundeinkommen zum allgemeinen Gesprächsthema zu machen, das sogar in allen Parteien kontrovers diskutiert wird (nein: wurde; es scheint schon wieder außer Mode gekommen zu sein). Ich habe nur ein berechtigtes Misstrauen, ob es möglich sein wird, es auf parlamentarischem Wege gesellschaftlich durchzusetzen, da im Parteien(un)wesen alle Mechanismen eingebaut sind, um den Volkswillen zu zerreden, zu manipulieren und schlussendlich doch immer nur den Willen derer durchzusetzen, welche das Große Geld haben. Regiogeld hat demgegenüber den riesengroßen Vorteil, dass es jederzeit konkret machbar ist – es läuft ja bereits an vielen Stellen sehr erfolgreich. Und es erwirtschaftet – nicht kurzfristig, aber mittelfristig – Überschüsse, die zur Finanzierung von Grundeinkommen genutzt werden können und sollten. „Wartet nicht auf bessre Zeiten. Nehmt Euch die Freiheit, sonst kommt sie nie!“ (Kombination zweier Texte von Wolf Biermann)
Hier das Prinzip (geklaut aus meinem Aufsatz „Soziale Dreigliederung“ auf dieser Homepage; will es nicht zweimal formulieren): „In Rudolf Steiners „Nationalökonomischem Kurs“ (im Zuge seiner Betrachtungen über „Kaufgeld, Leihgeld und Schenkungsgeld“) und in Silvio Gesells „Natürlicher Wirtschaftsordnung“ hatte ich einen Satz gefunden, der in beiden Fällen fast gleichlautet und wohl den Schlüssel für das Ganze beinhaltet: „Der Geldbesitzer ist gegenüber dem Warenbesitzer (und -Hersteller, letztlich also immer dem Arbeitnehmer) ökonomisch gewaltig im Vorteil, weil der Warenbesitzer aufgrund des Schlechtwerdens, Veraltens, der Lagerkosten usw. der Waren gezwungen ist, diese so schnell wie möglich zu verkaufen, während der Geldbesitzer einem gleichen Zwang nicht unterliegt.“
Rückt der Geldbesitzer sein Geld dennoch heraus, etwa um es durch Aktienkauf in eine Firma zu investieren (Leihgeld), so kann er dafür einen Zins, eine Rendite fordern, kann das Geld „sich selbst vermehren“, „für sich arbeiten“ lassen, während der Warenproduzent seine Waren nicht als ökonomisches Druckmittel dem Markt verweigern kann, sondern zusehen muss, dass er sie so schnell wie möglich loswird. Man wird einwenden, dass der Geldgeber ja mit jedem Aktienkauf ein großes wirtschaftliches Risiko eingehe, der Zins also eine „Risikoprämie“ darstelle. Dass eine Risikoprämie in der Rendite enthalten ist, bestreitet Gesell gar nicht, diese ist immer auf den eigentlichen Zins noch draufgeschlagen. Wenn ich aber als Geldgeber dieses Risiko nicht eingehen will und es ganz der Bank überlasse, so bekomme ich von dieser immer noch soviel Zinsen, dass das Geld sich von selbst vermehrt! (Ich möchte nur erwähnen, dass Gesell ganz ähnlich wie Steiner neben dem Geld-Problem auch das Problem des Privateigentums an Grund und Boden sieht und dieses in fast marxistisch anmutender Art – abschaffen möchte!)
Geld, das nur zu Selbstvermehrung gehortet und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird, erzeugt zudem die berüchtigten Spekulationsblasen, welche die momentane Wirtschaftskrise (und nicht nur sie) ausgelöst haben. Um eine Vorstellung von deren Dimension zu bekommen: Von dem Geld, das z. B. die Deutschen insgesamt besitzen, ist nur 2% (!) wirklich im Umlauf und geht über den Ladentisch oder das Girokonto, 98% sind – Blase!
Die Selbstvermehrung des angelegten Geldes durch den Zins könnte dadurch ausgeglichen werden, dass durch ständiges „Neudrucken“ von Geld eine gewisse Inflation künstlich erzeugt wird, die den Zins auffrisst. Nun wird zwar eine geringe Inflation von den Notenbanken immer betrieben, um die Konjunktur zu beleben, man achtet aber streng darauf, dass sie den Zins nicht überholt; „stabile Währung“ wird das genannt. Eine höhere Inflationsrate wäre bereits ein „Schwundgeld“ im Sinne Silvio Gesells; vermutlich ist diese aber so schwer beherrschbar, dass der ökonomisch erfahrene Kaufmann Gesell diesen Weg nicht vorschlug.
Was er sich vorstellte und dann auch Realität im „Wunder von Wörgl“ wurde, war Folgendes: 1932 war eine Zeit der weltweiten Rezession, der Deflation – die Preise (und Löhne) fielen, es wurde wenig gekauft, gab weltweit Massen-Entlassungen von Arbeitskräften; diese Krise brachte in Deutschland die Nazis an die Macht. Sehr stark betroffen war auch Österreich. Der damalige SPÖ-Bürgermeister Josef Unterguggenberger der österreichischen Kleinstadt Wörgl (bei Kitzbühel) ließ ein Regionalgeld drucken, bei welchem jeder Besitzer monatlich auf ein dafür vorgesehenes Feld eine Wertmarke kleben musste, welche ein Prozent des Geldscheines gekostet hatte – tat er es nicht, wurde der Geldschein wertlos. Das Geld verlor also im Jahr einen Wert von 12 %. Die Folge war, dass keiner dieses Geld behalten wollte, es wurde rasend schnell ausgegeben, die örtliche Wirtschaft kam in Schwung, die sehr hohe Arbeitslosigkeit sank tatsächlich in weniger als einem Jahr auf Null! Als das benachbarte Kitzbühel nach etwa einem Jahr nachziehen wollte, wurde das „Freigeld“ von Regierungsseite verboten; die Arbeitslosigkeit in Wörgl stieg wieder auf das vorherige Maß. Ich bin 1970 als Student einmal durch Wörgl getrampt; die Leute, die ich fragte, wussten kaum noch etwas von dem damaligen Experiment, aber außerhalb der Stadt fand ich eine steinerne Brücke mit der Aufschrift: „Diese Brücke wurde 1932 mit Freigeld erbaut“.
Die heutigen Regiogelder – es gibt allein in Deutschland bislang 27 davon, international viel mehr – können (noch) nicht verboten werden, da sie rechtlich als „interne Vereins-Zahlungsmittel“ laufen. Sie sind ökonomisch „stärker“ als der Euro, da sie eine höhere Umlaufgeschwindigkeit haben, deswegen haben sie sich nicht nur so viele Jahre bereits gehalten, sondern sind kräftig am Expandieren. Der erste praktische Regiogeld-Versuch ging 2003 von Christian Gelleri, einem Waldorflehrer im Chiemgau und fünf seiner Oberstufen-Schülerinnen aus, welche die ganze Organisation in die Hände genommen hatten – dieses Regiogeld kreist nicht nur immer noch auf Hochtouren (dreimal so schnell wie der Euro), sondern hat in nur 5 Jahren in der Kleinstadt Prien (samt Umgebung) eine Beteiligung von 550 Unternehmen und einen Umsatz von 4 Millionen erreicht, Tendenz: extrem steigend!
Wenn man sich einmal vorstellt, welch radikale Veränderungen mit einem „Schwundgeld“ einhergingen: Natürlich wäre der Kunde nicht mehr König wie im Kapitalismus – allerdings wäre auch nicht der Verkäufer Tyrann wie im „Sozialismus“; das Verhältnis wäre ausgeglichen. Die Firmen wären nicht mehr darauf angewiesen, dem Käufer künstliche Bedürfnisse zu suggerieren: sie würden auch so genügend Ware los – die unsere Städte verscheußlichende Überflutung mit Reklame würde aufhören; allein dies wäre ein Einschnitt, eine Wende, wie sie gravierender kaum vorstellbar ist. Es wäre nicht mehr nötig, die heutige gnadenlose Billig-Ware herzustellen; teurere Qualitäts-Ware würde auch gekauft; der unmenschliche Druck aus Fernost ließe nach, ohne dass dort Arbeitslosigkeit ausbräche. Vor allem aber würden unsere Medien – da sie es nicht mehr nötig hätten! – ihren reißerisch-manipulativen Charakter verlieren, der sie zu Massen-Suchtmitteln, zur Droge macht, welcher unsere Kinder hilflos ausgeliefert sind – wir könnten eine Pädagogik betreiben, die nicht nur aus Rückzugsgefechten besteht!“
Als ich diesen Text im „Schulboten“ der „Freien Waldorfschule Eisenach“ erstmals veröffentlichte, ahnte noch niemand – oder nur die Weisen – wie aktuell dies Thema angesichts der heraufziehenden Krise, die unsrer aller Arbeitsplätze bedroht, sein würde.
Wie organisiert man ein Regiogeld?
Verein gründen, politische Reden schwingen, palavern, palavern, palavern? Liebe Leut, fangt einfach an, im kleinsten Kreis. Natürlich muss man sich informieren: Margrit Kennedy: „Geld ohne Zins und Inflation“ München 2006 – DAS Handbuch für`s Regiogeld. Und/oder Ihr schaut im Internet (Stichwort: Regiogeld, Freigeld usw.), über Funktion und Effekt eines regionalen „Schwundgeldes“, das örtlich die Konjunktur ankurbelt – und wie die anderen Regiogeldkreise es machen (Achtung! es gibt auch Regiogelder ohne Schwund-Effekt – sie bringen m. E. gar nichts; auch Tauschringe ohne Schwundgeld gehen erfahrungsgemäß nach einiger Zeit wieder ein!).
Es wird oft gesagt: 30 wirtschaftende Parteien müssen beisammen sein, damit ein Regiogeld starten kann. Ich halte das für ein Gerücht. Drei Parteien reichen, sofern ein wirklicher (sinnvoller!) Geld-Kreislauf zustandekommt. Ist der Startkreislauf erstmal „gezündet“, wird er sofort zum Selbstläufer (sofern man sich verabredet hat, dass keiner vor Angst im ersten halben Jahr wieder aussteigt). Die drei vermehren sich nach dem Schneeball-Prinzip, durch Mund-zu-Mund-Propaganda – und weil man merkt, dass hier eine Einnahmequelle sprudelt: ich werde meine Waren oder Dienstleistungen auf jeden Fall los. Dies ist die eigentliche Arbeitslosenversicherung, die hierin liegt! Auf einer ständig aktualisierten Internet-Seite ist einsehbar, wer alles dran teilnimmt, wo ich also überall mein Regiogeld loswerden kann. Es hat sich gezeigt, dass peu a peu auch größere Betriebe dran teilnehmen, sogar Banken, die in Regiogeld Konten einrichten! Der Anfang ist ganz auf Vertrauen gegründet – man kennt sich. Die ersten Geldscheine können zur Not von Hand geschrieben sein, handsigniert – sowohl Silvio Gesell wie auch Rudolf Steiner haben die Banknoten als das gesehen, was sie in Wirklichkeit sind: Schuldscheine, für die eine Golddeckung eher eine Belastung ist – sie sind gedeckt durch die Arbeit der Menschen!
Dann allerdings muss das Ganze „legalisiert“ werden. Um eine Vereinsgründung kommt man nicht herum. Manchmal kann man sich an einen bereits bestehenden Verein anhängen. Es ist aber besser, erst einen Inhalt – bereits kreisendes Geld – zu haben und dann die Form (den Verein) zu schaffen, als – wozu wir Deutschen leider neigen – erst eine Form zu machen, die sich dann verselbständigt. Jetzt, zur Vereinsgründung, ist es sinnvoll, jemanden einzuladen aus einem bereits laufenden Regiogeldkreis – ein zündender Redner ist nicht schlecht, der in einem Vortrag die Öffentlichkeit vom Hocker reißen kann – und der gleichzeitig intern darstellt, welche Hürden und Tücken noch zu nehmen sind, an die bislang keiner gedacht hat. Es gibt einen Regiogeld-Verband, über den man an Vortragsredner herankommt. Mittlerweile liegen genügend Erfahrungen vor, keine Initiative muss das Rad neu erfinden.
Zum Technischen: jeder Teilnehmer tauscht einen bestimmten vereinbarten Betrag Euro 1 : 1 in Regionalwährung um. Rücktauschen kann er es jederzeit, aber mit 5% Verlust. Ab einer gewissen Größe des Kreises müssen natürlich Geldscheine und Draufkleb-Marken gedruckt werden. Lasst einen Künstler ran! Macht das Geld so schön wie möglich! (Sucht euch einen phantasievollen Namen aus, so wie „Urstromthaler“ oder „Nah-Gold“!) Es fallen Verwaltungs- und Druckkosten an. Die müssen, bis der Kreis groß genug geworden ist, erstmal ehrenamtlich getragen werden. Durch die Wertmarken, die auf die Scheine geklebt werden müssen, fällt aber ein gewisser Gewinn für das Ganze ab, ebenso durch Rücktauschungen. Davon muss mehr und mehr eine hauptamtliche Verwaltungs-Kraft finanziert werden (kein Außenstehender!), da das Ehrenamtliche nach und nach die Kräfte der Einzelnen übersteigt. Der Verein garantiert die rechtliche und steuerliche Absicherung dafür; er stellt den „Verwalter“ ein. Es kommt aber, wenn der Kreis groß genug wird, der Punkt, an dem diese Einkünfte die Verwaltungsausgaben übersteigen. Der „Chiemgauer“ hat im letzten Jahr einen Überschuss von 100.000 Chiemgauern gemacht – und davon gemeinnützige Einrichtungen unterstützt. Besser wäre es, hiervon zunächstmal an Einzelne, Bedürftige, ein wirklich bedingungsloses Grundeinkommen (Existenzminimum) zu zahlen – in Regiowährung (am Besten nicht auf Antrag, sondern unerwartet, als Geschenk aus heiterem Himmel!).
Je schlimmer die Krise wird, umso intensiver werden die Bemühungen werden, Tauschringe unter Arbeitslosen zu bilden. Auch hier: das eine tun und das andre nicht lassen! Gliedert die Tauschringe ans Regiogeld an! Tauschringe mit bargeldlosen „Talenten“ oder „Punkten“ unterliegen dem kapitalistischen Geld- (sprich hier: Punkte-)Hortungs-Effekt; die Punkte sind nichts anderes als ganz normales Geld, auch wenn es bargeldlos ist. Es braucht ein „Schmiermittel“ ein Fluss-Mittel, sonst gehen die mit viel Idealismus gegründeten Tauschringe mit ebensoviel Verbitterung wieder ein. Läuft aber einmal das Regiogeld mit Schwund-Effekt („Umlaufsicherung“ wird das oft vornehm umschrieben), dann ist es sinnvoll, sogar Tauschringe aktiv zu gründen oder anzugliedern.
Eines ist ganz wichtig: Sobald Anzeichen kommen, dass im Zuge der Wirtschaftskrise eine Inflation, gar eine galoppierende Inflation auftritt, muss das Regiogeld sofort vom Euro abgekoppelt werden! In diesem Moment gibt das dann unterschiedliche Preise in Euro und Regiowährung. Dann wird plötzlich das Regiogeld zur stabilen Währung in der Krise!
Spätestens seit 1932 ist klar, wie man jederzeit Wirtschaftskrisen vermeiden und Vollbeschäftigung (und damit noch viel, viel mehr) erreichen kann – überall. Die Ignoranz, mit der die wirklich einfachen und durchschlagenden Lösungen geflissentlich übersehen und als utopisch in die Tonne getreten werden, ist beispiellos. Aber nur die Praxis wird die Menschen überzeugen. Vielleicht muss dazu erstmal die wirtschaftliche Katastrophe kommen.
Juli 2009, Andreas Delor

(Angaben ohne Gewähr)